Anna Klink weiß noch, welcher ihr erster Fußballschuh war: der Copa, ein Klassiker von Adidas. Klink, 30 Jahre alt, Torhüterin, gerade vom FC Basel zum FC Bayern gewechselt, trägt diesen Schuh immer noch, nur inzwischen farbig, nicht mehr in Schwarz-Weiß. Dabei wurde der Copa mal fürs andere Geschlecht entwickelt. So wie sehr lange alle Fußballschuhe.
„Wir kennen es gar nicht anders“, sagt Klink. „Wir haben immer das angezogen, was da war.“ Und da waren Fußballschuhe für Männer. Weil Fußball, das war ja Männersache. Der DFB verbot Frauenfußball lange, das erste offizielle Länderspiel machten die deutschen Frauen 1982. Drei Jahre vorher brachte Adidas den Copa raus.
Fußballerinnen müssen oft mit Schlechterem auskommen als ihre männlichen Kollegen. Selbst in der Bundesliga müssen einige von ihnen nebenbei arbeiten. Sie haben meist auch nicht dieselbe Infrastruktur zur Verfügung, etwa weil sie auf schlechterem Rasen spielen müssen. Und auch beim Schuh, ihrem wichtigsten Arbeitsgerät, werden sie benachteiligt. Kaufen sie sich einen Fußballschuh, kaufen sie sich in aller Regel einen Fußballschuh für Männer – nur in kleiner.
Das ist ein Problem, denn Frauenfüße sind nicht einfach nur kleiner als Männerfüße, sie unterscheiden sich in vielen Punkten. Und deshalb passen vielen Fußballerinnen ihre Schuhe nicht.
2023 führte die dänische Sportmedizinerin Katrine Okholm Kryger eine Studie für die Europäische Klub-Vereinigung (ECA) durch. Die Studie ist noch nicht veröffentlicht, aber das Ergebnis drang schon an die Öffentlichkeit: 82 Prozent der befragten Spielerinnen gaben an, in ihren Fußballschuhen Schmerzen oder zumindest Beschwerden zu haben. Die schwedische Kapitänin Magdalena Eriksson sagte mal, eine ehemalige Mitspielerin habe sich hinten in den Schuh ein Loch schneiden müssen, damit die Ferse reinpasste. Kryger, die inzwischen für den europäischen Fußballverband Uefa arbeitet, sagt: „Man weiß, dass Männer- und Frauenfüße unterschiedlich geformt sind. Daher ist das Design der Männerschuhe nicht optimal für Frauen.“
Seit Kurzem ändert sich was auf dem Fußballschuhmarkt
Manche vermuten sogar, dass die Schuhe einen Anteil an den vielen Kreuzbandrissen im Frauenfußball haben. Einen wissenschaftlichen Beleg gibt es dafür nicht, denn ein Kreuzbandriss folgt meist aus einer Kombination vieler Faktoren. Manche Fußballerinnen und Trainerinnen aber glauben, die falschen Schuhe führten dazu, dass sie öfter im Rasen hängen bleiben und sich das Knie verdrehen. Sicher ist, dass sich Fußballerinnen öfter das vordere Kreuzband reißen als Fußballer. Nicht sicher ist, wie viel öfter, denn zum Frauenfußball gibt es noch zu wenig Forschung. Fußballerinnen sind auch in der Wissenschaft benachteiligt.
Doch seit Kurzem ändert sich etwas auf dem Markt für Fußballschuhe. Es gibt inzwischen ein paar Fußballschuhe für Frauen. Kurz vor der EM in der Schweiz brachte Adidas einen Schuh raus, „gebaut von und für Fußballerinnen“, wie es in der Pressemitteilung zum F50 Sparkfusion heißt. Das ist neu für die Fußballerinnen. Manche haben noch gar nichts mitbekommen von den neuen, für sie entwickelten Schuhen.
„Wenn jetzt Schuhe rauskommen, die über Jahre für uns entwickelt wurden, ist das was total Positives“, sagt Klink. „Aber man muss sich erst mal dran gewöhnen.“ Sie selbst habe lange gar nicht darüber nachgedacht, dass ihr Fußballschuh eigentlich für Männer entwickelt wurde. Sie konnte ja nur anziehen, was verfügbar war. Also Männerfußballschuhe. Zum ersten Mal hörte Klink vergangenes Jahr von einem speziell für Frauen entwickelten Schuh.
Klink weiß, dass viele ihrer Mitspielerinnen den neuen Adidas-Schuh schon getestet haben, und sie glaubt, dass noch mehr ihn testen werden. Die deutsche Nationalspielerin Jule Brand trägt ihn bereits bei der EM.
Drei wesentliche Unterschiede zum Männerfuß
Franziska Eaton war die sogenannte Senior Product Managerin für diesen Schuh, den F50 Sparkfusion. Sie sagt, in ihrem Team hätten sie viele Daten erhoben, Füße von Topspielerinnen vermessen und mit eigenen wie externen Experten aus der Sportwissenschaft zusammengearbeitet. Und so hätten sie genau gesehen, was einen Frauenfuß von einem Männerfuß unterscheidet.
Eaton nennt jene drei wesentlichen Unterschiede, die alle Expertinnen nennen, mit denen DIE ZEIT gesprochen hat.
Erstens haben Frauen durchschnittlich einen flacheren Spann als Männer, weshalb viele Spielerinnen im oberen Bereich des Fußballschuhs zu viel Luft haben. „Deshalb haben wir den Spann niedriger gemacht“, sagt Eaton.
Zweitens haben sie ein höheres Längsgewölbe (das ist die Wölbung an der Innenseite des Fußes, die von der Ferse bis zu den Zehen verläuft).
Und drittens eine im Verhältnis schmalere Ferse. Wichtig, sagt Eaton, nur eine schmalere Ferse. „Es ist ein Mythos, dass der Frauenfuß generell schmaler ist als der von Männern. Nur im Verhältnis zum Vorfuß ist die Ferse schmaler.“ Vereinfacht ausgedrückt könne man sich das so vorstellen: Während der Fuß einer Frau zur Ferse eher wie ein Dreieck zulaufe, sehe er bei Männern eher nach einem Rechteck aus. Die Ferse des neuen Schuhs ist deshalb schmaler als bei den Männerschuhen.